Gegen den Abstieg

Im Auftrag des Jobcenters München engagiert sich das Team von „BASIS“ für Menschen, die als Wohnungslose hilfebedürftig sind: Seit mehr als 10 Jahren – und als bundesweit einziges DAA-Projekt seiner Art

Oliver Garbrecht (li.), Projektleiter „BASIS“, Martin Lang, Coach (Foto: DAA)

Zum Beispiel eine junge Frau, Anfang 20. Sie steht vor Gericht, angeklagt wegen Beleidigung, Körperverletzung und Schwarzfahren. „Da habe ich sie indirekt ein bisschen unterstützt allein dadurch, dass ich anwesend war“, sagt Oliver Garbrecht. „Das nehmen die Richter in der Regel ganz gut wahr und neigen eher dazu, den Leuten nochmal eine Chance zu geben, noch mal auf Bewährung zu gehen, wenn sie sehen, dass die Leute irgendwie angebunden sind.“ Garbrecht leitet „BASIS“, ein Projekt, das die DAA München im Jahr 2006 im Auftrag der damaligen  ARGE - heute Jobcenter München - startete, um von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen zu helfen. Im Falle der Frau, die Garbrecht beim Gericht begleitet hatte, entschied der Richter: Sie muss nicht ins Gefängnis und einige Auflagen erfüllen. „Jetzt bemühe ich mich darum, mit ihr eine gewisse Regelmäßigkeit, eine gewisse Zuverlässigkeit, eine gewisse Ernsthaftigkeit einzuüben“, sagt Garbrecht. Die Frau habe nämlich vor, im Sommer 2017 eine Ausbildung als Schreinerin zu beginnen. „Bis dahin ist noch gewaltig viel zu tun.“

Mehr als 6 000 Wohnungslose in München

Zu Garbrechts Team gehören Katrin Brand, Lothar Maßmann und Martin Lang, der seit den Anfängen von „BASIS“ dabei ist. Damals benötigte das Jobcenter München 50 Teilnehmerplätze in einer von Sozialarbeitern betreuten Einrichtung. „Und dann ging´s los“, erinnert sich Martin Lang. Über den Namen des Projekts sei man sich schnell einig gewesen. „Wir bieten natürlich eine Basis für die Teilnehmer, das war der Gedanke.“ Es gehe um fundamentale und grundlegende Bedürfnisse, sagt Garbrecht. „Wir können wirklich versuchen, die Leute da aufzufangen, wo sie sind - und das ist sehr oft nicht weit über dem Boden.“ Im Vergleich zum Jahr 2008 leben heute fast doppelt so viele Wohnungslose in München, belegen Zahlen der Stadt. Das Sozialreferat schätzt, dass im Jahr 2016 mehr als 6 000 Bürger wohnungslos waren. Von ihnen lebten etwa 550 Menschen auf der Straße. 

Thema Jobsuche – eines von vielen

„In München zu leben, ist mit hohen Lebenshaltungskosten verbunden, vor allem für Lebensmittel und Miete“, sagt Marianne Schreiner. Sie ist stellvertretende Institutsleiterin der DAA München. „Die Gefahr, etwa durch Arbeitslosigkeit sozial bis zur Wohnungslosigkeit abzusteigen, ist größer als in vielen anderen Städten“, sagt Schreiner. „ Mit ,BASIS´ können wir Menschen helfen, die existentiell in Not sind.“ Seit dem Jahr 2012 haben mehr als 450 Menschen an „BASIS“ teilgenommen. Es ist bundesweit das einzige DAA-Projekt für hilfebedürftige Wohnungslose. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von „BASIS“ beziehen ALG II; die meisten von ihnen sind in Pensionen innerhalb Münchens untergebracht. Sie kommen aus allen Altersstufen und werden vom Jobcenter an „BASIS“ vermittelt. Jugendliche, von ihren Eltern aus dem Haus geworfen;  Erwachsene, die aus dem Gefängnis kommen; Ältere, deren Wohnung zwangsgeräumt wurde.
Das Thema Jobsuche ist eines von vielen im Alltag von „BASIS“. Seit einigen Jahren wird einer von 10 Teilnehmern in Arbeit vermittelt, immerhin das Doppelte der Zielvorgaben. „Das ist nur ein kleiner Ausschnitt von den Dingen, die wir machen“, sagt Projektleiter Oliver Garbrecht. „Da sind andere Erfolge, etwa Vermittlung in eine Drogentherapie.“ Oder dass Teilnehmer sich ärztlich versorgen lassen, etwa mit einer neuen Brille oder einer Zahnbehandlung. Wenn es um Schulden geht, kann das „BASIS“-Team beraten. Und ein Konflikttraining soll den Umgang mit der Polizei  verbessern. Die Teilnehmer seien aufgefordert: „Sagt uns Eure Probleme, egal was, wir versuchen, zu helfen.“

Teilnehmer haben psychische Probleme

Im Mittelpunkt der täglichen „BASIS“-Arbeit steht die Auseinandersetzung vor allem mit psychischen Krankheiten wie Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder Schizophrenie. „Alle unsere Teilnehmer haben mehr oder weniger starke psychische Probleme“, sagt Garbrecht. „Von Auffälligkeiten bis hin zu massiven Krankheiten.“ Mal lassen sich Teilnehmer vom Sinn einer Therapie überzeugen, mal nicht. Zum Beispiel ein junger Mann, der sich seinem „BASIS“-Coach gegenüber seit anderthalb Jahren allen Argumenten für eine medizinische Behandlung verweigert. „Wenn sich jemand nicht helfen lassen will, kann das anstrengend und belastend für uns sein“, sagt Oliver Garbrecht. Fortschritte seien nicht zwingend, oft gebe  es Rückschritte. „Wir machen trotzdem weiter.“

Ulrich Michael Mell von Mellenheim lebte ein Jahr auf der Straße. Foto: DAA

„BASIS“-Teilnehmer über das Wohnungslosen-Projekt der DAA München

„Wieder Rhythmus gekriegt“

Man muss sich Ulrich Michael Mell von Mellenheim als glücklichen Menschen vorstellen. Damals, in seinem Beruf als Konzertpianist. „Ich war jahrelang in den USA tätig, habe mit Dirigenten wie Kurt Masur gespielt“, sagt er. „Immer so sieben Monate, dann wieder in Deutschland. Verheiratet, drei Kinder. Und 1996 war Scheidung. Irgendwann habe ich zu viele Drogen genommen. Und dann bin ich völlig abgerutscht. Ich habe alles verloren, war ein Jahr auf der Straße.“ Statt einer Bühnenkarriere erlebt von Mellenheim Drogentherapien, Gefängnisaufenthalte, Wohnungslosigkeit. Viele Jahre geht das so.
In der Pension, in der er 2015 untergebracht ist, bekommt von Mellenheim schließlich Post vom Jobcenter München. Aufforderung zur Arbeitsvermittlung. „Dort hat man mir angeboten, bei ,BASIS´ teilzunehmen“, sagt er. „,BASIS´ hat mir insofern etwas gebracht, dass ich wieder einen Rhythmus gekriegt habe, Regelmäßigkeit. Mein Coach ist der Chef, der Oliver. Immer gut für´n Flachs und immer hilfsbereit, wenn was ist.“ Aber jetzt sei Schluss mit BASIS, sagt von Mellenheim. „Weil, ich habe wieder eine eigene Wohnung. Die habe ich mir selbst geholt. Da gibt´s ein Programm, ´Ü 55´. 360 Euro Miete, billiger als eine Pension. Da geht´s mir saugut.“ 
Noch besser geht es von Mellenheim, wenn er gelegentlich in seinen Beruf zurückkehrt und Privatkonzerte gibt. Dann spielt er Werke von Franz Liszt oder Beethoven-Konzerte. „Für Leute, die vor allem ´nen Flügel in ihrem Haus drinstehen haben. Da kommt aber kein Orchester mit, da gibt´s die CD, und dann spielst Du da live auf dem Flügel.“ Das sei schwieriger, als mit einem echten Orchester zu spielen. „Weil, das Orchester kann mitschwingen und mal, wenn ich ein bisschen zu langsam bin oder so, dann kann ich´s ausgleichen. Aber die Scheibe ist gnadenlos“, sagt von Mellenheim. Und dann lacht er.